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Thomas Hockenberry ist Professor für Philosophie. Zumindest hatte der Altphilologe und Homerkenner einmal einen Lehrauftrag in Indiana. An die meisten Dinge aus seinem früheren Leben kann sich Hockenberry jedoch nur noch schwach erinnern. Derzeit versieht er seinen Dienst als Scholiker auf den Feldern vor der legendären Stadt Troja. Griechen und Trojaner morden und schlachten einander ab und die Götter mischen kräftig mit.

Hockenberry versieht bereits im neunten Jahr seinen Dienst für die Götter. Er und einige andere Homerkenner sollen feststellen, ob die dargebotenen Gemetzel und Tragödien mit dem Lied des Dichters übereinstimmen. Von den Göttern wurde er dafür mit einer Reihe technischer Spielereien ausgestattet, die im eine relative Sicherheit inmitten all dieser Gemetzel geben. Das Leben könnte so schön grausam und langweilig sein, wenn Hockenberry nicht eines Tages von Aphrodite den Auftrag erhielte Pallas Athene zu töten. Unterwegs mit dem Helm des Hades, der ihn selbst für Götter unsichtbar macht gelingt es Hockenberry binnen kürzester Zeit alles zu vermasseln und die Ilias gehörig durcheinander zu bringen.

Was der arme Hockenberry nicht weiss hat ihm die Abordnung der empfindungsfähigen, kybernetischen Moravecs voraus. Die intelligenten Maschinen bewohnen die diversen Trabanten des Jupiter und entsenden eine Mission zur Klärung enormer Quantenaktiviäten auf dem Mars. Leider werden die friedliebenden Liebhaber irdischer Literatur noch in der Umlaufbahn um den Mars von Zeus aus einem fliegenden Streitwagen heraus abgeschossen. Parallel zu diesem actiongeladenen Spektakel erzählt Simmons von Vorgängen auf der alten Erde. Die Bewohner der Erde, die sich selbst Nachmenschen nennen zeichnen sich in erster Linie durch ihre profunde Unwissenheit aus. Neben der Tatsache, dass es schätzungsweise maximal zwei Menschen gibt die die hohe Kunst des Lesens beherrschen, haben sie fatalerweise auch ihre Neugier verloren. Die Altmenschen haben die seltsamen Gegebenheiten ihres Lebens als unumstößlich hingenommen. Erst die seltsame Alte Savi reißt eine kleine Gruppe Altmenschen aus ihrer Lethargie und in ein phantastisches Abenteuer. Dan Simmons besitzt ohne Zweifel ein außergewöhnliches Talent. Seine Geschichte ist fesselnd und seine Beschreibungen packend. Seine Helden der Ilias sind von widerlicher Brutalität und selbst die sogenannten Götter ein Musterbeispiel des Infantilen. Ob man an solchen Dingen gefallen findet liegt ganz beim Leser.

Einen angenehmen Gegensatz zu diesen scheinheilig Zivilisierten bilden die Moravecs. Kultivierte Cyborgs, die scheinbar endlos über die Feinheiten zwischen klassischen Dichtern der Erde diskutieren könnten, wenn man sie nur ließe. Eine von Simmons großen Stärken nimmt dem Roman aber etwas von seiner Schlagkraft. Dan Simmons sprühende Phantasie verbirgt scheinbar hinter jedem neuen Hügel ein weiteres Geheimnis. Was anfangs aufregend und spannend wirkt, führt nach etlichen Hundert Seiten zu Frustration, nachdem klar wird, dass all diese Geheimnisse niemals erforscht werden. Als der Roman nach über 800 ein etwas abruptes Ende findet, steht der Leser vor einer endlosen Reihe von Fragezeichen. Zugegeben, an diesem Punkt dürfte er das Morden und Metzeln auch langsam leid sein, aber das offene Ende gibt einem dann den Rest. Ein offenes Ende bedeutet keinesfalls einen schlechten Roman und ein paar unerforschte Geheimnisse sollte sich jeder Autor vorbehalten, aber Dan Simmons scheint zu übertreiben. Seine Ideen hätten zweifelsohne für zwei Romane ausgereicht, so wirkt der gut geschriebene Roman leider im Überblick etwas verstümmelt und ausgefranst.